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Einatmen. Ausatmen.

Ein illustrierter Tauchgang.

Mit vier Jahren habe ich auf Elba schwimmen gelernt. In diesem Sommer wollte ich noch einmal auf die kleine italienische Insel, um mich dort als Tauchlehrerin ausbilden zu lassen. Doch dann brach eine Pandemie in unserer Welt aus. Das normale Leben wurde gestoppt und aus meinen Plänen wurde nichts.

Ich habe es trotzdem geschafft, für eine Woche nach Elba zu fahren, um mir die Insel und ihre Unterwasserwelt anzugucken. Denn trotz der Angst und Ungewissheit, die Corona ausgelöst hat, ging das Leben weiter.

Vielen Menschen hat die Krankheit die Luft zum Atmen genommen.

Das Atmen, das wir bewusst kaum wahrnehmen, das aber so essentiell für unser Leben ist. Weiteratmen bedeutet weiterleben. Genau wie beim Tauchen. Es braucht nicht mehr. Nur:

Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.

AM TAG DAVOR

Am Tag vor meinem ersten Tauchgang auf Elba bleibe ich abstinent, trinke viel Wasser und esse gesund. Ich halte mich von allem fern, was meiner Gesundheit schaden könnte und tue alles, um entspannt und ausgeruht zu sein.

Das mag langweilig klingen, aber langweilig – oder wie man beim Tauchen sagt: konservativ – brauche ich hier. Mein Leben hängt unter Wasser an nur wenigen Atemzügen und meiner Kompetenz, diese Atemzüge auch zu machen.

Buddy

Das Tauchen findet im sogenannten Buddy- System statt. Das heißt, zwei Personen führen den Tauchgang gemeinsam durch. Sie passen aufeinander auf und helfen sich bei Problemen.

Ich habe bei meiner Ankunft auf Elba direkt mit einem Taucher Bekanntschaft geschlossen, mit dem ich nun meinen Tauchgang durchführe. Ich bevorzuge es, mit einer Person abzutauchen, mit der ich mich sicher fühle und die den Tauchplatz im besten Fall schon kennt. Kommt es zu einem kritischen Problem, liegt mein Leben in der Hand meines Buddys und diese Verantwortung übergebe ich nicht jedem.

BASIS

Um tauchen zu können, sind Taucher*innen auf eine Tauchbasis angewiesen, an der die Sauerstoffflaschen gefüllt werden und fehlendes Equipment zum Ausleihen bereit liegt.

An der Zeltplatzbar fülle ich zuerst meine eigenen Ressourcen auf. Ich bestelle mir einen Espresso, esse eine Banane zur Stärkung und breche unter der heißen italienischen Sonne zu meiner Expedition auf.

BRIEFING

Beim Briefing wird der Tauchplatz besprochen, an dem die Gruppe gleich tauchen wird. Der Plan: wir fahren mit dem Boot raus und ankern an einem steilen Felsen.

Der Guide erklärt, was es hier für Tiere und Besonderheiten zu entdecken gibt und macht auf Barrakudas aufmerksam, die für Menschen gefährlich werden können.

EQUIPMENT

Der Zusammenbau des Equipments ist ohne Routine eine heikle Angelegenheit. Alles muss richtig eingestellt sein und funktionieren, damit später nichts schief geht. Bereits die Basics reichen aus, um mich von einem Menschen in einen Fisch zu verwandeln: Neoprenanzug, ABC-Ausrüstung (Maske, Schnorchel, Flossen), Jacket, Atemregler mit Mundstück, alternative Luftversorgung, Inflator und Finimeter, Blei, Sauerstoffflasche, Tauchcomputer und Kompass.

SICHERHEITS-CHECK

Hier kommt mein Buddy zum ersten Mal zum Einsatz. Er prüft, ob alles an Equipment vorhanden ist und funktioniert. Befindet sich Luft in der Tauchflasche? Kann ich aus dem Atemregler atmen? Lässt sich das Jacket auf- und abblasen? Genau das prüfe auch ich bei meinem Buddy.

ZUM TAUCHPLATZ FAHREN

Als alle bereit sind, gehen wir los in Richtung Boot. Zwischen zwei sandgelben Gebäuden eröffnet sich mit einem Mal der Blick auf das Meer. Türkisfarbenes Wasser, das kleine weiße Wellen schlägt. Mir ist heiß in meinem engen Anzug und dem schweren Equipment auf meinem Rücken. Doch mit den ersten Schritten ins Meer dringt kaltes Wasser in meinen Tauchanzug ein und kühlt mich. Mein aufgeblasenes Jacket trägt mich, bis mir der Kapitän die Hand reicht und aufs Boot hilft.

Der Motor läuft an, eine kühle Brise zieht über meine freie Gesichtshaut, mein Blick ist auf den Horizont gerichtet, das Abenteuer beginnt.

Das Boot nimmt kräftig Fahrt auf und peitscht über den Ozean. Auf meinen Wangen trocknet und brennt das Salz.

Wir lassen die Küste und die Touristen zurück, die unter ihren Sonnenschirmen am Strand liegen. Grade sehen sie nur die Oberfläche des Ozeans und haben kaum eine Vorstellung von der zweiten Welt, die direkt vor ihnen existiert. Eine gigantische Welt, für den Menschen versteckt.

EINSTIEG INS WASSER

Der Anker wird ausgeworfen. Alle Taucher*innen bereiten sich auf den Abstieg ins Wasser vor. Noch einmal spucke ich in meine Maske und reibe das Plastik ein, damit sie später nicht beschlägt. Ich setze sie auf und ziehe meine Flossen an, ziehe den Gurt meines Jackets fest und stecke mir den Atemregler in den Mund. Mit einem großen Schritt vorwärts falle ich ins Wasser und treibe für einen weiteren Moment an der Oberfläche.

Mein Buddy und ich treffen letzte Vorbereitungen. Sitzt die Maske? Kann ich aus dem Atemregler atmen? Bin ich bereit? Mein Buddy gibt mir das Zeichen „Daumen runter“, das bedeutet: abwärts. Wir geben uns ein OK, indem wir Daumen und Zeigefinger zu einem O formen. Ich lasse über den Inflator sämtliche Luft aus meinem Jacket und atme so viel und schnell es geht aus.

TAUCHGANG

Langsam sinkt mein Körper ab. Meine Augen entdecken eine neue Welt. Tiefblau. Meine Ohren hören eine neue Welt. Das regelmäßige abwechselnde Geräusch von metallisch-kratzigem Einatmen und blubberndem Ausatmen.

Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.

Beim Absinken mache ich alle zwei Meter einen Druckausgleich in meinen Ohren. Auf circa 10 Metern pendelt sich mein System auf die neue Situation ein. Ich falte meine Arme vor meiner Brust zusammen und tariere meinen Körper aus. Jetzt schwebe ich waagerecht im Wasser und bewege mich mit sanften Flossenschlägen vorwärts. Ich prüfe, ob mein Buddy an meiner Seite ist. Wir geben uns erneut ein OK.

Meine Aufmerksamkeit richtet sich weg von meinem Körper und Buddy hin zur Umgebung. Die Sicht aus meiner Taucherbrille beschränkt sich auf „vorne“, und so muss ich meinen Kopf von links nach rechts und von oben nach unten bewegen, um den Rest des endlosen Raumes zu sehen.

Weißes Sonnenlicht dringt in harten Strahlen durch die Wasseroberfläche. Ein Schwarm kleiner schwarzer Fische breitet sich darin aus. Neben mir türmt sich ein Felsen auf, Korallen, Schirmalgen, Trichteralgen, dazwischen sitzen Seeigel und Seesterne, in kleinen Höhlen verstecken sich Muränen, Schnecken, Fische und Krabben. Unzählige Tiere und Pflanzen, die ich nicht kenne, befinden sich auf nur wenigen Metern Stein.

Mein Blick wandert die Felswand neben mir auf und ab, schweift ins offene Wasser. Ich entdecke entfernt einen Schwarm Barrakudas. Eine andere Gruppe Taucher vor mir macht einen Feuerfisch aus, der aus einer Felsspalte herausguckt. Erst unter dem künstlichen Licht der Taschenlampe entfaltet sich seine wunderschöne orange-rote Färbung.

Auf meinem Tauchcomputer checke ich die Tiefe. 28 Meter. Das ist mein Limit. Hier unten ist es schon kalt und recht dunkel. Nach oben zu blicken macht mir jetzt Angst, denn dann wird mir bewusst, wie tief ich im Wasser bin und dass es nicht möglich ist, schnell und gleichzeitig sicher aufzusteigen. Also bleibe ich hier, im Moment und konzentriere mich wieder auf meinen Atem. Einatmen. Ausatmen. Wir bleiben nicht lange auf dieser Höhe, sondern steigen gemächlich ein Stück auf, pendeln uns auf 12 Metern ein.

Eine kleine Qualle schwebt senkrecht im freien Wasser vor mir. Ein winziger Teil in einem unendlichen System. Wortlos schwimme ich an ihr vorbei. Neben ihr fühle ich mich wie ein Teil dieses Ozeans, wie ein Fisch. Und bleibe doch nur ein Beobachter.

Denn meine Zeit hier ist begrenzt, und mein Buddy und ich machen uns bereit für den Aufstieg. Für einige Minuten verharren wir auf fünf Metern, um unseren Körpern Zeit zu geben, sich von der ungewohnten Umgebung zu erholen. Sehr langsam, fast widerwillig, steigen wir die letzten Meter bis zur Oberfläche auf.

Und mit einem plötzlichen Ruck stößt mein Kopf durch die Trennlinie von Wasser und Luft – von einer in die andere Welt. Ich transformiere mich zurück von Fisch zu Mensch.

AUSSTIEG AUS DEM WASSER

Der Kapitän hilft mir aus dem Wasser ins Boot. Stumm von den Eindrücken warten wir bis das letzte Buddyteam auftaucht. Ich blicke noch einmal auf die glatte Stelle im Meer, aus der ich eben aufgetaucht bin und die nichts darüber verrät, was unter ihr ist. Schon setzt sich das Boot in Bewegung, verlässt diesen Ort. Diese eine Stunde unter Wasser hat mich so reich an Erfahrung und Erinnerung gemacht wie kaum etwas anderes.

REINIGUNG DES EQUIPMENTS

Das Boot erreicht den Strand, und unsere Gruppe in ihren schwarzen Ganzkörperanzügen verlässt ihn zwischen den leicht bekleideten, schwitzenden Urlaubern. An der Basis streife ich meine zweite Haut ab und werfe meine Hilfsmittel, ein Fisch zu werden, in einen Tank zum Säubern. Das Gefühl, unter Wasser atmen zu können, bleibt noch eine Weile haften.

REVIEW

Zum Schluss des Tauchgangs kommen noch einmal alle zusammen und tauschen sich über das eben Gesehene und Erlebte aus. Der Tauchgang wird im Logbuch erfasst und ist mit dem Stempel der Tauchbasis offiziell.

Jetzt bleibt mir nur die Erinnerung. Ich mache es mir in der Sitzecke bequem und träume mich noch einmal zurück. Das Herz des Ozeans, kommt mir in den Sinn, ist der Ozean selbst. Der Ozean ist das Herz unseres Planeten. Ein Ort, den wir Menschen nie vollständig erobern werden, in dem wir nur Besucher sind. Und der uns, solange wir ihn nicht zerstören, herzlich aufnimmt.

Mit geschlossenen Augen liege ich da und atme ein, atme aus, atme ein, atme aus.

Einatmen. Ausatmen.

Ein illustrierter Tauchgang.

In diesem illustrierten Reisebericht beschreibt die Autorin einen Tauchgang vor der Küste Elbas, einer italienischen Insel. Wie läuft ein Tauchgang ab? Welche Vorbereitungen müssen getroffen werden, um im Meer abzutauchen? Wie fühlt es sich an, sich von Mensch zu Fisch zu verwandeln? Leser*innen werden auf eine Reise unter Wasser mitgenommen und erleben einen Tauchgang aus der Innenperspektive der Autorin. Der Text wird durch Illustrationen ergänzt. Für jede Person, die vom Tauchen träumt.

Buchdetails
Verlag: ePubli
ISBN: 9783752998658
Format: DIN A5 hoch
Erscheinungsdatum: 15.09.2020